Mittwoch, 20. März 2013

Gedichte, warum schreibst du Gedichte?

Manchmal werde ich gefragt: "Warum schreibst du Gedichte, wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?“
Tja, das ist eine sehr seltsame Geschichte, aber ich werde sie euch erzählen.

Ich muss so etwa neun Jahre alt gewesen sein, als mir zum ersten Mal dieser seltsame Typ begegnete und mich ansprach.

Ich saß in meinem Zimmer und las irgendein Buch, lesen war meine absolute Lieblingsbeschäftigung. Was heißt lesen, ich habe diese Bücher gefressen, egal welches Genre, am liebsten Abenteuerbücher und Gedichte. Aber eigentlich las ich alles, was nicht schnell genug hinter das Bücherbord meiner Eltern flüchten konnte.

Wie ich so dasitze, und das Buch verschlinge, höre ich direkt neben mir, nein eigentlich eher in mir drin, diese Stimme:
"He du, Jürgen, hallo, haaalllooo, Herrgott, jetzt hör doch mal auf die armen Buchstaben im hunderter Pack zu schlucken.“

Ein wenig erschrocken unterbrach ich die Lektüre und sah mich um, da war keiner, niemand im Raum außer mir. Ich schüttelte den Kopf und wollte gerade weiterlesen, als die Stimme weiter sprach:
Ich weiß, du siehst mich nicht und das ist gut so, aber hören kannst du mich ja endlich. Seit du in der Schule lesen und schreiben gelernt hast, versuche ich jetzt schon mit dir zu reden.“

"Wer bist du“, fragte ich etwas verwirrt, "und wieso kann ich dich hören, wenn du gar nicht da bist?“

"Gewöhnt dich daran,“ antwortete die Stimme, „ du wirst mich nie sehen, immer nur hören, bist du selber begriffen hast, wer ich bin. Eines Tages stehst du vor deinem Spiegel, und dann siehst du mich.
Bis dahin gilt, die Leserei ist gut, schön und wichtig, aber dein Job ist nicht das Lesen, dass machen andere. Dein Job ist das Schreiben!“

"He, ich verstehe kein Wort, schreiben, was soll ich den schreiben?“

"Hm, gefallen dir die Gedichte, die du da gerade runterschluckst?“

"Ja schon, sonst würde ich wohl nicht weiterlesen wollen. Du nervst, merkst du das nicht?“

"Ich habe dir ja schon gesagt, daran musst du dich gewöhnen. Je eher du schreibst, um so eher weißt du, wer ich bin. Und wenn du das herausgefunden hast, werde ich schweigen, denn dann brauchst du meine Worte nicht mehr.“

Aha, dachte ich, jetzt kommen wir zur Sache.
"Du willst also das Ich schreibe, damit ich herausfinde, wer du bist. Und wenn ich das weiß, dann hältst du endlich die Klappe, und lässt mich in Ruhe, richtig?“

Einen Moment war es still und ich dachte, ich hätte gewonnen, aber dann hörte ich ihn wieder:
"Entschuldigung, aber dieser Rilke ist ein lustiger Vogel, dieses Gedicht da, das kannte ich noch nicht.
Wo waren wir, ....ach so, ja Richtig, du schreibst, lernst mich kennen, und wenn alles gut geht, dann muss ich schweigen. …. leider!“

Gut“, sagte ich, "dann schreibe ich jetzt ein Gedicht.“

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und fing an mir den Kopf zu zerbrechen, was ich schreiben könnte. Aber da war nichts!
Gerade als ich aufgeben wollte, fiel mein Blick auf einen Apfel, den meine Mutter mir hingelegt hatte und dann war es als wäre ein Damm gebrochen.
Ich schrieb Strophe um Strophe mein erstes Gedicht.
Von da an hörte ich die Stimme täglich, er nervte mich jeden einzelnen Tag so lange, bis ich ein Gedicht, oder einen anderen Text geschrieben hatte, als hätte ich nichts Besseres zu tun.

Die Monate vergingen und wurden zu Jahren. Manchmal gelang es mir ihn ein oder zwei Tage in Schach zu halten, gelegentlich lies er mich sogar eine ganze Woche in Ruhe, meist, wen ich krank war, was ja ab und an passieren kann.

Und dann eines Tages, ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, da sah ich ihn plötzlich. Ich stand vor dem Spiegel in meinem Schlafzimmer und probierte gerade eine Hose an, die ich ändern lassen musste (schreiben macht hungrig), da grinste er mich frech aus dem Spiegel an.
Ich erschrak, der Typ da, das war die Stimme, die mich jahrelang genervt hatte, er hatte meine Figur und meine Augen, ... und er trug meine Hose.

Da habe ich verstanden, worum es all die Jahre ging, mir wurde schlagartig klar, nein, ich hatte nie etwas Besseres zu tun.
Alles was ich zu tun habe ist schreiben, sonst nichts.

Ja ihr lieben, so ist es und nicht anders, ich muss schreiben, ob ich will oder nicht.

Und ausschließlich deshalb schreibe ich!